Mit vereinten Kräften gegen die Gegner aus dem Westen: Wie in Moskau aus „Zeiten der Wirren“ der Wunsch nach nationaler Eintracht erwächst.
Das Denkmal für Minin und Posharski
Die Februarrevolution – ausgelöst durch eine Hungerdemonstration in Petrograd, der sich Streiks von Arbeitern und Soldaten anschlossen – beendete das zaristische Regime, das die Unterstützung der Bevölkerung bereits weitgehend verloren hatte. Mit der Revolution endete die über 300 Jahre währende Herrschaft des Hauses Romanow im Russischen Reich. Gleichzeitig läutete sie die Phase der „Doppelherrschaft“ von Provisorischer Regierung und dem Petrograder Rat (sowjet) der Arbeiter- und Soldatendelegierten ein.

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Am 25. Oktober (7. November) 1917 stürzten die Bolschewiki die Provisorische Regierung, die nach der Februarrevolution eingesetzt wurde. Die Machtübernahme in Petrograd erfolgte ohne viel Blutvergießen, jedoch schloss sich ihr ein mehrjähriger Bürgerkrieg mit Millionen Todesopfern an. Zahlreiche westeuropäische Staaten unterstützten den Widerstand gegen die Bolschewiki auch militärisch. So nahm die Geschichte der UdSSR ihren Anfang.

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Als Großen Terror bezeichnet man die staatlichen Repressionen gegen die sowjetische Bevölkerung zwischen 1936 und 1938. Der Begriff wurde durch die gleichnamige Monographie des britischen Historikers Robert Conquest geprägt. Während des Großen Terrors wurden Schätzungen zufolge rund 1,6 Millionen Menschen verhaftet, etwa 680.000 von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Die Repressionen erfolgten in mehreren Wellen. Waren zunächst vor allem hohe Parteikader betroffen, gerieten im Laufe der Zeit immer neue Gesellschaftsgruppen ins Visier der Sicherheitsorgane. Eine juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen fand bis heute nicht statt.

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Im engeren Sinne bezeichnet Perestroika die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die auf Initiative von Michail Gorbatschow ab 1987 in der Sowjetunion durchgeführt wurde. Politische Öffnung und größere Medienfreiheit führten bald dazu, dass sich die Forderungen nach Veränderung verselbständigten – obwohl die Reformen neben viel Hoffnung auch viel Enttäuschung brachten. Die Perestroika läutete einen unaufhaltsamen Prozess des Wandels ein und mündete im Ende der Sowjetunion.

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Die 1990er Jahre waren in Russland ein Jahrzehnt des radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Demokratischer Aufbruch einerseits und wirtschaftlicher Niedergang andererseits prägten die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion.

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Der russische Komponist Michail Glinka (1804–1857) gilt als Begründer der Tradition der klassischen Musik in Russland. Er bereiste viele europäische Städte und Kulturzentren seiner Zeit – darunter Mailand, Paris und Berlin und war mit bedeutenden Komponisten wie Mendelssohn und Chopin bekannt. Seine Oper Ein Leben für den Zaren (1836) war die erste auf Russisch gesungene klassische Oper. Von ihm stammt auch das Patriotitscheskaja Pesnja (dt. Patriotisches Lied), das zwischen 1991 und 1999 die russische Nationalhymne war.
Im Schatten der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz stehen auf einem Granit-Postament zwei bronzene Figuren: Kusma Minin und Dimitri Posharski. Diese beiden russischen Helden erinnern an Ereignisse, die mehr als 400 Jahre zurückliegen. Das Denkmal selbst wurde vor 200 Jahren errichtet – und hat die Zarenzeit, die Februar- und die Oktoberrevolution, beide Weltkriege, den Stalinismus, die Perestroika und die 1990er Jahre unbeschadet überstanden. Seit Putin an der Macht ist erfreut sich das Monument im Herzen der Hauptstadt sogar eines Zuwachses an Bedeutung und Aufmerksamkeit.

Wer sind diese beiden Helden, die Touristen eher unbewusst mit fotografieren, wenn sie die farbenprächtige Basilius-Kathedrale aufnehmen? Welche symbolische Bedeutung haben Minin und Posharski für das heutige Russland? Und warum spielen ihre Heldentaten aus dem 17. Jahrhundert unter Putin erneut eine so wichtige Rolle?
Im Mai 2004 beginnt die zweite Amtszeit von Wladimir Putin. Die Inauguration findet im Großen Kremlpalast statt. Dort, wo einst der Zarenthron stand, legt der Präsident die Hand auf die russische Verfassung, hält eine kurze Ansprache und schreitet über den roten Teppich durch die in Gold gekleideten Säle bis zum Kathedralenplatz des Kreml. Im Hintergrund erklingt das patriotische Lied Slawsja (Russland, heiliges Vaterland) von Michail Glinka.
Text: Martin Aust, Foto: Sergey Novikov, 5. Oktober 2021
Putin inszeniert sich als Garant von Ordnung und Stabilität, der die „neue“ Smuta, die krisenhaften 1990er Jahre, beendet hat.
Foto: Wladimir Putin auf dem Kathedralenplatz bei der Inaugurierung 2004 / Alexey Panov/Sputnik
Die „Zeit der Wirren“ (smuta) bezeichnet eine Episode zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als verschiedene Prätendenten um die Thronfolge rangen, fremde Heere russische Städte belagerten und Hungersnöte grassierten.
Michail Fjodorowitsch (1596–1645) war der erste Zar der Romanow-Dynastie in Russland, die von 1613 bis 1917 herrschte. Er wurde am Ende der Smuta (Zeit der Wirren) von einer Versammlung zum Zaren gewählt, die aus Vertretern sozialer und regionaler Gruppen zusammengesetzt war. Er regierte bis 1645. Sein Nachfolger war sein Sohn Alexej Michailowitsch.
Die Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse war in den 2000er Jahren das erklärte Hauptziel der russischen Politik. Tatsächlich verbesserte sich die wirtschaftliche Lage des Landes in den ersten zwei Amtszeiten Putins erheblich. Die Stabilisierung als politisches Projekt ging jedoch mit einer Konzentration der Macht in den Händen des Präsidenten einher.

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Die Komposition stammt aus der Schlussszene der Oper Ein Leben für den Zaren (Iwan Sussanin, 1836), in der Glinka mythen-umwobene Episoden aus der sogenannten Zeit der Wirren im 17. Jahrhundert aufgreift. Eine zentrale Rolle in dieser Geschichte spielen der Kaufmann Kusma Minin und der Fürst Dimitri Posharski, die ein Volksaufgebot (opoltschenije) aufstellten und Moskau von der polnisch-litauischen Besetzung befreiten. Im Epilog der Oper feiert das Volk auf dem Roten Platz den Sieg und den neuen russischen Zaren Michail Romanow, der am Ende dieser turbulenten Zeit den Thron besteigt. „Sei gerühmt, sei gerühmt, unser russischer Zar! Von Gott uns gegebener Zar und Herrscher!“, singt der Chor.

Auch wenn bei der Inauguration im Jahr 2004 nur die Musik aus Glinkas Oper ertönt und die Erwähnung des Zaren verschwindet, ist die Botschaft klar: Putin geht auf den Kathedralenplatz des Kreml hinaus, wo, wie der Präsident in einer Rede betont, „Minin und Posharski mit triumphalem Glockenläuten gefeiert“ wurden. Die Kanonen feuern Salven ab, die Garde und die Kavallerie in Uniformen der Zarenzeit begrüßen ihn, den neuen Herrscher Russlands. Putin inszeniert sich als Garant von Ordnung und Stabilität, der die „neue“ Smuta, die krisenhaften 1990er Jahre, beendet hat. Allerdings entfällt der Jubel des Volkes. Bei der Inauguration ist er nicht vorgesehen.
„Sei gerühmt, unser russischer Zar“
Kurz nach seiner zweiten Inauguration als Präsident Russlands untermauert Putin mit einer anderen politischen Entscheidung den neuen offiziellen Kult um Minin und Posharski: 2005 erklärt er den 4. November zum neuen staatlichen Feiertag. An diesem Tag feiert Russland seither die Überwindung der „Zeit der Wirren“ und des Bürgerkriegs und die Befreiung Moskaus von der Besetzung im Jahe 1612.

Der neue Feiertag bedeutet einen fundamentalen Eingriff in den offiziellen Festkalender Russlands. Er soll den Tag der Oktoberrevolution am 7. November, einen der wichtigsten Feiertage der Sowjetunion, ersetzen.
Fundamentaler Eingriff in den offiziellen Festkalender
Am 26. Januar 1918 verabschiedete die bolschewistische Regierung ein Dekret über den Übergang zum gregorianischen Kalender. Damit holte man 13 Tage Unterschied in der Zeitrechnung zwischen Russland und den meisten europäischen Ländern auf und wollte dem „chronologischen Doppeldenken“ ein Ende setzen. Da die Russisch-Orthodoxe Kirche den „neuen“ Kalender nicht akzeptierte und kirchliche Feiertage weiter nach dem julianischen Kalender feierte, kam es zur sogenannten „Doppelherrschaft der Zeitregime“. Prominentestes Beispiel dafür ist die gleichzeitige Existenz des Neujahrsfestes (am 1. Januar) und des „alten“ Neujahrsfestes (am 14. Januar).

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Nikita Michalkow (geb. 1945) ist der jüngere Bruder von Andrej Kontschalowski (geb. 1937). Michalkow ist ein bekannter Schauspieler und Regisseur; für seinen Film Die Sonne, die uns täuscht gewann er 1995 den Oscar. Michalkow gilt als lautstarker Unterstützer des Präsidenten Putin: So startete er 2007 mit einigen anderen Kulturschaffenden einen flammenden Aufruf an Putin, eine dritte Amtszeit als Präsident anzutreten. Die Verfassung Russlands erlaubt demgegenüber nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten.
Maljukova, Larisa (2007): 1612 stul’ev: Dershavnyj blokbaster pro Smutnoe vremja – s elementami plutovskogo romana i lav stori, in: kultura 84
Der Film erschien zusätzlich in Form eines Comics von Roman Surshenko, in dem praktisch jede Szene nachgezeichnet wurde. S.: Danilov, Denis (2007): (Pro)Kino: Čužie dengi ‚1612‘
Um den neuen Feiertag und seine Helden Minin und Posharski bekannter zu machen, kommt 2007 sogar ein Spielfilm über sie in die Kinos: 1612. Chroniki smutnogo wremeni (dt. 1612. Chronik der Zeit der Wirren) wurde vom oscargekrönten Filmemacher Nikita Michalkow produziert, der für seine nationalistischen Töne bekannt ist. Die Idee für den Film geht laut Novaya Gazeta auf die Präsidialadministration zurück. Der Streifen erzählt die Geschichte von 1612 aus der Perspektive eines gewöhnlichen Knechtes. Eine Mischung aus Elementen des Historien-, Märchen- und Abenteuerfilms sowie aufwändige Spezialeffekte sollen den Geschmack eines jüngeren Publikums ansprechen.
Im staatlichen Erinnerungsprogramm hat der 4. November seit seiner Einführung 2005 ein festes Muster angenommen: Der russische Präsident legt am Denkmal für Minin und Posharski am Roten Platz Blumen nieder. Im Anschluss findet ein feierlicher Empfang im Großen Kremlpalast statt. Anfangs distanziert, beginnt 2009 auch die Kirche, mit einer Prozession an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Seit 2012 begleitet der Patriarch den Präsidenten auf den Roten Platz. Manchmal schließen sich die Oberhäupter anderer Religionsgemeinschaften des Landes an. Allerorten werden Konzerte, feierliche Umzüge, Festivals, Kultur- und Sportveranstaltungen organisiert. Zu den Veranstaltern zählen neben regionalen Regierungen und Gemeinden die parlamentarischen Parteien, allen voran die Regierungspartei Einiges Russland.
In der offiziellen Rhetorik rund um Minin und Posharski geht es um drei große Motivstränge: die lange Tradition eines starken russischen Staates, die tapfere Verteidigung des Vaterlandes und die Sammlung des Volkes hinter einem starken politischen Herrscher.
Seit 2012 begleitet am Tag der nationalen Einheit der Patriarch den Präsidenten zum Denkmal für Minin und Posharski auf dem Roten Platz. Manchmal schließen sich die Oberhäupter anderer Religionsgemeinschaften des Landes an. Damit wird auch die „nationale Einheit“ eines polykonfessionalen Landes inszeniert.
Foto: 4. November 2012 / © kremlin.ru unter CC BY SA-4.0
Als Vaterländischer Krieg ging Napoleons gescheiterter Feldzug gegen Russland im Jahr 1812 in die russische Geschichtsschreibung ein. Die russische Armee, für die der Überfall unerwartet kam, unternahm einen über mehrere Wochen dauernden Rückzug bis in die Tiefe des Landes hinein. Die erste große und blutige Schlacht, die für den Ausgang des Krieges entscheidend zu sein schien, fand in Borodino bei Moskau statt. Zwar hat die Grande Armée taktisch gesiegt und im Anschluss Moskau besetzt, jedoch waren die Verluste so groß, dass Napoleon bald selbst den Rückzug antreten musste. Im Dezember 1812 wurde Napoleons Armee an der russischen Grenze nahezu vollständig vernichtet.

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Der Vaterländische Krieg von 1812 und die für den Krieg zentrale Figur von Napoleon Bonaparte haben die russische Kultur im 19. Jahrhundert sehr stark beeinflusst. Die Persönlichkeit des französischen Kaisers wurde in Briefen, Publizistik und literarischen Werken kontrovers diskutiert. So entstanden unterschiedliche Bilder von Napoleon, sie reichen vom Idealbild des romantischen Helden bis hin zu einem Kriminellen, der sich gottgleich wähnte.

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Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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 Im Jahr 2012 per Erlass von Wladimir Putin gegründet, soll die Gesellschaft die militärhistorische Forschung populärer machen, patriotische Werte nähren und auch für den Dienst in der Armee werben. Sie kümmert sich zudem um die Denkmalpflege. Der staatliche Zuschuss zu ihrem Budget belief sich 2015 auf 325 Millionen Rubel (damals 4,4 Millionen EUR). In Kuratorium und wissenschaftlichem Beirat sind viele Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes vertreten.
Der Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen.

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In der offiziellen Rhetorik rund um Minin und Posharski und die Geschichte der Smuta geht es immer wieder um drei große Motivstränge: die lange Tradition eines starken russischen Staates, die tapfere Verteidigung des Vaterlandes gegen äußere Feinde und die Sammlung des Volkes hinter einem starken politischen Herrscher.

Als der Feiertag am 4. November 2005 erstmals begangen wird, sagt Putin über Minin und Posharski: Ihr Zusammenschluss sei ein Sieg der patriotischen Kräfte gewesen, ein vereinter Sieg aller gesellschaftlichen Kräfte zur Stärkung des Staates. Die Ereignisse von 1612 bezeichnet Putin als „Wiedergeburt des Vaterlandes“ und als Voraussetzung für „die Entstehung einer großen und souveränen Macht“. Er betont die Rolle des Volkes, der Menschen unterschiedlicher Nationalität und Konfession, die sich 1612 vereinten, um den westlichen Feind aus dem Land zu vertreiben. Auch in seinen folgenden Reden hebt Putin am 4. November stets die innere Geschlossenheit und die Stärke des Staates hervor.

Zugleich nutzt Wladimir Putin den 4. November, um die Erinnerung an das Ende der Smuta in Bezug zur Geschichte russländischer Staatlichkeit und Vaterlandsverteidigung zu setzen. So erfolgt auch die Einweihung des Denkmals für Fürst Wladimir im Jahr 2016 am Tag der nationalen Einheit: Den Fürsten aus dem 10. Jahrhundert bezeichnet Putin dabei als Begründer eines geeinten und zentralisierten Staates. 2019 verbindet Putin seine Rede am 4. November mit einem Ausblick auf den 2020 bevorstehenden 75. Jahrestag des Endes des Großen Vaterländischen Krieges. Diese historische Kontinuitätslinie ist in Russland erinnerungspolitischer Konsens: So wie Minin und Posharski und das von ihnen organisierte Volksaufgebot 1612 die katholischen Feinde aus dem Westen bezwangen, so besiegten russische Truppen 200 Jahre später im Vaterländischen Krieg Napoleon und schließlich die Rote Armee im Großen Vaterländischen Krieg NS-Deutschland. Auch heute beschwört das offizielle Russland immer wieder, sich gegen Feinde aus dem Westen verteidigen zu müssen.

Minin und Posharski sind mittlerweile in der russischen Öffentlichkeit omnipräsent. Rund um den Feiertag am 4. November werden in Moskau und vielen anderen Städten Plakate mit ihren Portrait saufgehängt. Und allerorten entstehen neue Minin-und-Posharski-Denkmäler: So wird 2005 in Nishni Nowgorod, der Heimatstadt Minins, eine Kopie des Denkmals vom Roten Platz aufgestellt. 2016 entsteht im Auftrag der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft gegenüber des Kreml ein riesiges, 25 Meter hohes Graffiti mit den beiden Helden.
Doch trotz aller Bemühungen bleibt der neue Feiertag zu Ehren der beiden Nationalhelden vielen Russen weitgehend unverständlich – für viele wirkt er künstlich und von oben eingeführt. Die Ereignisse von 1612 spielen im Geschichtsbewusstsein der Russen im Vergleich zum Großen Vaterländischen Krieg oder zum Vaterländischen Krieg gegen Napoleon 1812, eher eine marginale Rolle. Laut Umfragen des Lewada-Zentrums kann 2020 immer noch jeder Vierte nicht genau sagen, was an diesem Tag eigentlich gefeiert wird. 15 Prozent der Befragten geben sogar an, Anfang November nach wie vor den Revolutionstag zu begehen.
Nur wenige haben den neuen Feiertag, seine Symbolik und die mit ihm verbundene Heldengeschichte voll akzeptiert und übernommen. Zu ihnen zählen die russischen Nationalisten. Seit der Einführung des Tages der nationalen Einheit findet alljährlich am 4. November der sogenannte Russische Marsch statt, dem sich tausende Anhänger anschließen. Auf dem Roten Platz, vor dem Denkmal von Minin und Posharski, durften sie ihre Blumen bislang allerdings noch nicht niederlegen.
Das Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war von tiefgreifenden Umbrüchen gezeichnet, aufgrund derer es in das kollektive Gedächtnis als die wilden 1990er eingegangen ist. Mit dem Begriff werden weniger die neu erlangten Freiheiten, sondern eher negative Erscheinungen wie Armut und Kriminalität assoziiert.

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Sakon (dt. Gesetz) ist ein komplexes und vielfältiges Phänomen in der russischen Kultur. Kulturwissenschaftler konstatieren, dass der Begriff an sich nicht das Rechtssystem spiegelt und mit Gerechtigkeit zunächst nichts zu tun hat. Dem Sakon setzt man das Gute, das Gewissen und die Gerechtigkeit entgegen. Das schwierige Verhältnis zu Sakon in der russischen Kultur wird einerseits erklärt mit einer unterentwickelten rechtlichen Begrifflichkeit, aber auch damit, dass die Bevölkerung die grundlegenden Gesetze nicht kennt und im Land ein rechtlicher Pluralismus herrscht.

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Als Oligarchen werden Großunternehmer bezeichnet, die starken Einfluss auf die Politik nehmen. In Russland, aber auch in anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen Wirtschaft und Politik sehr eng verwoben sind, stellen sie ein zentrales Charakteristikum des politischen Systems dar.

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Wladimir Putin gegen die Zeit der Wirren
Die Geschichte von Minin und Posharski steht für ein zentrales Ereignis in der russischen Geschichte: Dank ihres Engagements wurde 1612 die Besetzung durch die „katholischen Feinde aus dem Westen“ beendet, die innere Uneinigkeit überwunden und die Macht in die Hände eines neuen Herrschers gelegt. 1613 wurde Michail Fjodorowitsch zum ersten Zaren der Romanow-Dynastie gekrönt. Das Bezwingen des äußeren Feindes, die Sammlung des Volkes, die Überwindung nationaler Zwietracht und die Unterordnung unter einen starken politischen Herrscher – für all dies stehen Minin und Posharski in der aktuellen russischen Geschichtspolitik.
Die „Zeit der Wirren“ (smuta, manchmal auch licholetje) hat im heutigen Russland eine Doppelbedeutung. Zum einen verweist die Bezeichnung auf das frühe 17. Jahrhundert und die Zeit ausländischer Besatzung und innerer Kämpfe, die Minin und Posharski beendeten. Zum anderen wird der Begrif mit dem ersten Jahrzehnt nach dem Zerfall der UdSSR assoziiert: So werden die 1990er Jahre in Russland oft als lichije dewjanostyje, wilde 1990er, bezeichnet. In der Rhetorik Putins und der aktuellen politischen Elite werden die 1990er Jahre häufig mit Begriffen wie Willkür, Gesetzlosigkeit, Niedergang der Wirtschaft, Verarmung der Bevölkerung, Schwächung des Staates, Bereicherung der Oligarchen und Unterwerfung unter ein „westliches Modell“ in Verbindung gebracht. Zudem haben viele Zeitgenossen dieses Jahrzehnt als eine Zeit in Erinnerung, als das Land scheinbar am Rande eines Bürgerkrieges stand.
Laut Putin habe in den 1990er Jahren, der „Verlust der staatlichen Einigkeit, Souveränität und der Abstieg in die Peripherie der Weltpolitik“ gedroht. Dies sei „nur dank eines einzigartigen Patriotismus, der Tapferkeit, ungewöhnlichen Ausdauer und Arbeitsamkeit des russischen Volkes und anderer Völker Russlands“ verhindert worden. Vor dem Hintergrund dieses Schreckensbildes der 1990er Jahre inszeniert sich Putin – in der Tradition von Minin und Posharski – als Retter der Nation. Mit seinem Machtantritt, so das offizielle Narrativ, habe in Russland ab 2000 erneut eine Zeit der Stabilität und staatlichen Souveränität begonnen. In dieser Erzählung hat Putin die Kriminalität, den Terrorismus und die Macht der Oligarchen beseitigt, westliche Staaten in die Schranken gewiesen und für das Land, nicht zuletzt durch die Angliederung der Krim, den Status einer Großmacht zurückgewonnen.
Martin Aust
Martin Aust ist Professor für Geschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bonn. Er hat zuletzt mehrere Bücher zur Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert geschrieben, die bei C.H. Beck und der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen sind.

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