Ein mythisch verklärtes Bild vom „Großen Sieg“, das Leid und Schrecken des Weltkriegs verdeckt: Wie Russland im Zentrum der Hauptstadt alljährlich die Befreiung Europas vom Faschismus feiert und dabei an sowjetische Traditionen anknüpft.
Der Rote Platz
Der Tag des Sieges wird in den meisten Nachfolgestaaten der UdSSR sowie in Israel am 9. Mai gefeiert. Er erinnert an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland und ist in Russland inzwischen der wichtigste Nationalfeiertag. Der 9. Mai ist nicht nur staatlicher Gedenktag, sondern wird traditionell auch als Volks- und Familienfest begangen.

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Als Großen Vaterländischen Krieg bezeichnet man in Russland den Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland 1941–1945. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Galt der Sieg über den Faschismus offiziell zunächst als ein sozialistischer Triumph unter vielen, wurde er seit Mitte der 1960er Jahre zu einem zentralen Bezugspunkt der russischen Geschichte.

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Stramm marschierende Soldaten, Militärmusik, die unter die Haut geht, feierliche Worte des russischen Präsidenten: Die alljährliche Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai ist der Höhepunkt des staatlichen Festkalenders. Der Feiertag erinnert an den Sieg der Sowjetunion über Nazideutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 bis 1945. Im Zentrum der Feierlichkeiten steht der Rote Platz in Moskau. Von hier zog die Rote Armee 1941 an die Front; hier feierte die Sowjetunion 1945 den Triumph des Sieges. Bis heute bietet der Rote Platz die Bühne, auf der die Staatsführung das offizielle Kriegsgedenken inszeniert.
Ausgerechnet 2020, zum 75. Jahrestag des Sieges, musste die Jubiläumsfeier jedoch wegen der Corona-Pandemie auf den 24. Juni verschoben werden. Dem Pomp der Veranstaltung tat dies keinen Abbruch: Über 14.000 Militärangehörige sowie Panzer, Raketen und weiteres schweres Kriegsgerät defilieren an diesem Tag an den Tribünen auf dem Roten Platz vorbei. Wladimir Putin, umgeben von Kriegsveteranen und ausländischen Staatsgästen, betont in seiner Rede einmal mehr die Rolle der Roten Armee bei der „Befreiung Europas vom Faschismus“ und die Bedeutung dieses Ereignisses für Russland. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg werde „für alle Zeiten“ der „grandioseste“ von allen bleiben, sagt der russische Staatschef.
Text: Oliver Sterchi, Foto: Sergey Novikov, 29. Juni 2021
Über 14.000 Militärangehörige sowie Panzer, Raketen und weiteres schweres Kriegsgerät defilieren anlässlich des 75. Jubiläums des Sieges an den Tribünen auf dem Roten Platz vorbei.
Foto: Alexander Vilf/Host photo agency
Im heutigen Russland gibt es kein homogenes „kollektives Gedächtnis“ an den Krieg, sondern mehrere mit-, neben-, und gegeneinander existierende und agierende Bilder der Kriegserinnerung. Die Verflechtung des politischen und individuellen Gedächtnisses ist das Spezifikum russischer Erinnerungskultur, zu welcher sowohl Siegesstolz als auch Trauer gehören.

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 Altrichter, Helmut (2004): „Der Große Vaterländische Krieg“: Zur Entstehung und Entsakralisierung eines Mythos, in: Ders. et al. (Hrsg.): Mythen in der Geschichte, Freiburg i.Br., S. 477
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Kriegserinnerung im heutigen Russland einzig auf den staatlich propagierten Siegeskult zu reduzieren. Es gibt nicht die eine Erinnerung an den Krieg. Die Gedenkkultur ist vielschichtig und komplex. Private Initiativen spielen dabei genauso eine Rolle wie staatliche und halbstaatliche Akteure und Organisationen.

Das hat viel mit den Ereignissen zwischen 1941 und 1945 an sich zu tun. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann einer der verheerendsten Kriege der Menschheitsgeschichte. Die Wehrmacht und ihre Verbündeten führten an der Ostfront einen brutalen Vernichtungskrieg, der auf sowjetischer Seite Millionen von Soldaten und Zivilisten das Leben kostete. Schätzungen gehen von 20 bis 30 Millionen Opfern aus. Der Blutzoll war auch deshalb hoch, weil Stalin Hunderttausende von Rotarmisten ohne Rücksicht auf Verluste in zunächst aussichtslose Schlachten warf.
Vielschichtige Gedenkkultur
Das im Jahr 2012 von liberalen Journalisten initiierte „Unsterbliche Regiment“ ist die bekannteste länderübergreifende Gedenkinitiative. Dabei marschieren Tausende mit Porträts von Kriegsteilnehmern aus der eigenen Familie durch Stadtzentren oder Ehrenmale. Die Aktion hat sich inzwischen bis nach Israel, Deutschland, Norwegen und in die USA ausgeweitet.
Das Ausmaß des Schreckens war von einer solchen Dimension, dass es auch heute noch kaum eine Familie in Russland gibt, die nicht direkt oder indirekt vom Krieg betroffen war beziehungsweise ist. Die Jahre 1941 bis 1945 haben sich somit tief in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Russlands wie auch der anderen postsowjetischen Staaten eingebrannt.

Entsprechend groß ist das Bedürfnis der Menschen, sich zu erinnern, sei es im Rahmen familiärer Rituale oder aber bei staatlich inszenierten Großveranstaltungen wie der Parade auf dem Roten Platz.

Das Verhältnis zwischen dem Gedenken „von oben“ und den zivilgesellschaftlichen Initiativen ist komplex. Die Trennlinien sind nicht immer einfach zu ziehen. Ein Beispiel dafür bildet das Unsterbliche Regiment. Unter dieser Bezeichnung hat sich in den letzten Jahren eine Tradition herausgebildet, bei der die Menschen anlässlich des 9. Mai Porträtfotos von Angehörigen, die im Krieg waren, vor sich hertragen, wie bei einem Trauerzug. Das Unsterbliche Regiment wurde ursprünglich von einer Gruppe von Journalisten initiiert, die dem staatlichen Paradenpomp am Tag des Sieges eine alternative – stillere – Form des Gedenkens entgegensetzen wollten.

Der Kreml erkannte bald das Potenzial dieser Graswurzelbewegung und integrierte sie in den Kanon seiner geschichtspolitischen Ausdrucksformen. 2015 wurde das Unsterbliche Regiment in die offiziellen Feierlichkeiten auf dem Roten Platz eingebettet. Präsident Putin nahm damals mit einem Foto seines Vaters an der Aktion teil.
Die Aktion Unsterbliches Regiment, 9. Mai 2019.
Quelle: kremlin.ru unter CC BY 4.0.
Ein staatlicher Fernsehsender, der zusätzlich zu seinem Hauptprogramm noch 80 Regionalsender unterhält. Er gehört zur Allrussischen Staatlichen Fernseh- und Radiogesellschaft (WGTRK).

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Der existenzielle Abwehrkampf des sowjetischen Volkes gegen Hitlers Armeen war schon zu Zeiten der Sowjetunion eine wichtige Ressource im Bestreben der Machthaber, die Gesellschaft hinter einer patriotisch aufgeladenen Meistererzählung zu vereinen und gleichzeitig die Stellung der UdSSR in der Welt symbolisch zu untermauern. Im heutigen Russland ist die mythisch überhöhte Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg der zentrale Pfeiler der staatlichen Geschichtspolitik.

Die aufwändig inszenierten Militärparaden auf dem Roten Platz sind Ausdruck davon. Mit viel Pomp und Pathos wird dort den Veteranen sowie der „glorreichen und heldenhaften“ Vergangenheit gehuldigt, aber auch die militärische Potenz Russlands gegenüber äußeren Feinden zur Schau gestellt. Tagespolitik und Beschwörung der Geschichte stehen in einem engen Wechselverhältnis.

Das Fernsehen spielt eine wichtige Rolle bei der Inszenierung der Parade. Der Staatssender Rossija 1 überträgt das Geschehen auf dem Roten Platz in Millionen Haushalte zwischen Kaliningrad und Wladiwostok. Die Kamera heftet sich an die Stiefel der defilierenden Soldaten, rückt die mit Orden und Blumen überladenen Veteranen auf der Tribüne ins Bild und schwenkt immer wieder auf Putin, der den Feierlichkeiten mit ernstem Gesicht zu folgen scheint.
Im heutigen Russland ist die mythisch überhöhte Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg der zentrale Pfeiler der staatlichen Geschichtspolitik.
Was hingegen die offizielle geschichtspolitische Vermittlung des Großen Vaterländischen Krieges angeht, so lässt sich in den letzten Jahren ein verstärkter Trend hin zu Triumphalismus und Hurrapatriotismus feststellen. Das Leid und die Schrecken des Krieges werden zunehmend hinter ein mythisch verklärtes Bild vom „Großen Sieg“ zurückgedrängt.
Mythisch verklärtes Bild vom „Großen Krieg“
Gleichzeitig – und das ist das Entscheidende – vermag es der Staat jedoch nicht, zivilgesellschaftliche und familiäre Erinnerungspraktiken vollends zu vereinnahmen. Das Ritual des Unsterblichen Regiments bleibt für viele Menschen eine persönliche Angelegenheit. Man erinnert sich in erster Linie an die Angehörigen, die im Krieg kämpften oder umkamen.
Miliärparade auf dem Roten Platz am 24. Juni 2020
Sergej Schoigu (geb. 1955) ist ein russischer Politiker und Armeegeneral. Seit 2012 ist er Verteidigungsminister. Zuvor leitete er ab 1994 das Katastrophenschutzministerium (MTschS).
Die Junarmija ist eine seit 2016 bestehende paramilitärische Jugendorganisation, die auf Initiative des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu gegründet wurde. Zu den erklärten Zielen der Organisation gehört es, das Geschichtsinteresse der Jugendlichen zu wecken und sie für russische Feldherren und herausragende Wissenschaftler zu begeistern. Bis 2020 sollen außerdem mehr als 100 Zentren zur militär-patriotischen Erziehung entstehen, ein Teil davon spezialisiert auf die Ausbildung von Fallschirmjägern, Piloten oder Panzerbesatzungen. Nach eigenen Angaben zählt die Organisation 200.000 Mitglieder.
Die Russische Militärhistorische Gesellschaft (russ. Rossijskoje wojenno-istoritscheskoje obschtschestwo, RWIO)) ist eine Initiative auf höchster politischer Ebene, welche die Geschichtsschreibung in Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Verteidigungsministerium Russlands patriotisch deutet und „geschichtlicher Verfälschung“ entgegentreten soll. Die geschichtliche Interpretation der RWIO fixiert ein konkretes Helden-Narrativ. So errichtete die RWIO Denkmäler für Nationalhelden – inzwischen um die 250 Objekte: Die wohl bekanntesten unter ihnen sind die Denkmäler des Heiligen Großfürsten Wladimir in der Nähe des Kreml sowie das 25 Meter hohe Rschewer Denkmal des sowjetischen Soldaten, dessen Errichtung die RWIO seit 2018 vorantrieb.
Unlängst wollte sie etwa durch Ausgrabungen „beweisen“, dass es sich bei verscharrten Leichen in den karelischen Wäldern nicht um Opfer stalinistischer Repressionen handle, sondern um Rotarmisten, die angeblich von den Finnen im Winterkrieg erschossen wurden. S. dazu: Novayagazeta.ru: Uma – lopata
 „Die bestialischen Comics sind eine tödliche Gefahr für die geistige und physische Gesundheit der Nation“ – diese Meinung wurde 2002 von einer Teilnehmerin der Gesprächsrunde über das Thema Comics im Schulunterricht geäußert, die von der Zeitschrift Narodnoje obrasowanije organisiert wurde. Auch wenn diese Stimme in der zeitgenössischen russischen Kultur eher eine Nebenrolle spielt, spiegelt sie doch Vorurteile gegenüber der westlichen Comic-Kultur wider, die in der Sowjetunion weit verbreitet waren. Auch heute erschweren diese Vorurteile eine Entwicklung der Comicszene in Russland.

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Ein Besuch im Park Patriot, dem Freizeitpark für echte Patrioten und solche, die es werden wollen.

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Gabowitsch, Mischa et al. (2017): Einleitung, in: Dies. (Hrsg.): Kriegsgedenken als Event: Der 9. Mai 2015 im Postsozialistischen Europa, Paderborn, S. 22
Patriotisch beseelte Staatsbürger
Das offizielle Geschichtsbild wird darüber hinaus durch weitere Medien reproduziert und verbreitet. Eine wichtige Rolle spielen Lehrbücher für den Geschichtsunterricht in den Schulen, aber auch Kriegsmuseen, wie das Museum des Sieges in Moskau, die als zentrale Lern- und Begegnungsorte fungieren, an denen ein ganz bestimmtes Bild der Ereignisse zwischen 1941 und 1945 vermittelt wird.
Im Fokus der geschichtspolitischen Bemühungen des Kreml steht insbesondere die Jugend. Die junge Generation soll zu patriotisch beseelten Staatsbürgern herangezogen werden. 2016 initiierte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu die Gründung der „Junarmija“ – zu deutsch: „Jugendarmee“. Die Organisation führt Kinder und Jugendliche mittels „militärischer Früherziehung“ an die Streitkräfte heran.

Im Feld der patriotischen Erziehung engagiert sich auch die 2012 von Wladimir Putin ins Leben gerufene Russische Militärhistorische Gesellschaft, indem sie etwa Militärcamps für Jugendliche organisiert. Die Organisation, die sich als Nachfolgerin der Imperialen Russischen Militärhistorischen Gesellschaft aus dem Zarenreich versteht, veranstaltet etwa Militärcamps für Jugendliche. In jüngster Zeit war sie auch an der Errichtung mehrerer Weltkriegsdenkmäler beteiligt. Die Organisation fällt darüber hinaus durch betont geschichtsrevisionistische Aktionen auf.

Auch die Populärkultur macht den Krieg zu einem Spektakel für ein Millionenpublikum: Unzählige Filme, Bücher, Comics und sogar Computerspiele widmen sich diesem Thema. Auch Re-Enactments wichtiger Schlachten, wie beispielsweise der Sturm auf den Reichstag im historischen Erlebnispark „Patriot“ außerhalb Moskaus, erfreuen sich großer Beliebtheit. In diesem Zusammenhang wurde in letzter Zeit wiederholt auf eine „Event-isierung“ beziehungsweise „Kommerzialisierung“ des Kriegsgedenkens in Russland hingewiesen. Der Tag des Sieges ist nicht zuletzt auch ein Feiertag, an dem die Menschen zusammenkommen, um sich zu vergnügen.

In Denkmälern – oft aus der sowjetischen Zeit stammend – manifestiert sich das Kriegsgedenken dauerhaft im öffentlichen Raum. Es gibt kaum eine russische Gemeinde oder Stadt, in der nicht ein Kriegsdenkmal stünde. Das reicht vom simplen Gedenkstein bis zur monumentalen Mutter-Heimat-Statue in Wolgograd (ehemals Stalingrad). Auch heute noch werden Denkmäler errichtet, die zuweilen auf die sowjetischen Vorbilder Bezug nehmen. Es gibt aber auch neue Monumente, etwa das 2020 eingeweihte Soldatendenkmal in Rshew, deren Ikonografie sich von der sowjetischen Tradition weitgehend abhebt.
Die staatlich inszenierte Meistererzählung vom „Großen Krieg“ hat den Anspruch, die einzig wahre Deutung der Ereignisse zu vermitteln. So hat Wladimir Putin in den vergangenen Jahren wiederholt die angebliche „Verfälschung“ der Geschichte des Krieges im Ausland, insbesondere in Ostmitteleuropa und im Baltikum beklagt. Die „historische Wahrheit“ und deren Verteidigung wurde 2020 sogar in einem Artikel in der russischen Verfassung festgeschrieben. Dieser verbietet es, „die Bedeutung der Heldentat des Volkes bei der Verteidigung des Vaterlandes zu schmälern“.

Die Moskauer Geschichtsdeutung von der „Befreiung Europas vom Nazismus“ wird andererseits in vielen ostmitteleuropäischen Ländern – allen voran in Polen – als Provokation empfunden. Neben dem Holocaust und der Besatzung durch die Wehrmacht erinnert man sich dort auch an den Einmarsch der Roten Armee im September 1939, an die stalinistischen Repressionen sowie an die sowjetische Besatzung nach 1945. In der Ukraine gewann diese Deutung besonders seit Ausbruch des Krieges im Osten des Landes 2014, der von Russland mit geschürt wird an Gewicht und prägt heute nicht nur den offiziellen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Ausschließlicher Wahrheitsanspruch
Die offizielle Erinnerung an den „Großen Krieg“ im heutigen Russland greift viele sowjetische Elemente auf. Die Paraden auf dem Roten Platz am 9. Mai etwa folgen einem ähnlichen Muster wie die Truppenaufmärsche von damals. Der Bogen reicht dabei von der ersten Kriegsparade im November 1941 über die Siegesfeier vom Juni 1945 bis zu den jährlichen Aufmärschen nach 1995.
Kontinuitäten
Auf dem Roten Platz manifestiert sich in diesem Sinne alljährlich eine Kontinuität der russischen Geschichts- und Erinnerungskultur, die die politische Zäsur des Jahres 1991 und den Kollaps der Sowjetunion überdauert hat. Andere sowjetische Jubiläen, wie der Jahrestag der Oktoberrevolution, mögen aus dem staatlichen Feiertagskalender getilgt worden sein: Der Tag des Sieges konnte seine zentrale Stellung behaupten. Mehr noch: Er gewann seit Wladimir Putins Amtsantritt zur Jahrtausendwende sogar an Bedeutung. Auf dem Roten Platz und im übrigen Russland.
Russland – eine „Vormauer der Christenheit“?
Der staatlich inszenierte Triumphalismus, wie er in der Parade vom 9. Mai auf dem Roten Platz zum Ausdruck kommt, soll die Gesellschaft hinter einer sinnstiftenden Meistererzählung vereinen. Die mythisch überhöhte Erinnerung an den Sieg ruft Stolz hervor und transportiert die Vorstellung eines anhaltenden Kampfes gegen äußere Aggressoren, die Russland angeblich erneut (oder immer noch) bedrohen würden. Die pompösen Truppen-Aufmärsche vor dem Kreml sind in diesem Sinne nicht nur eine Huldigung der Vergangenheit, sondern signalisieren auch Wehrbereitschaft – gegen innen wie außen.
Die Militarisierung des Kriegsgedenkens korrespondiert auch mit dem Anspruch des Kreml, auf der Weltbühne als militärische Großmacht gewürdigt zu werden. Russland soll damit zu alter Größe zurückkehren. Die imperiale Nostalgie, die sowohl das Zarenreich wie auch die Sowjetunion einschließt, schlägt sich auch in der Inszenierung der Paraden am Tag des Sieges nieder. Sowjetische Flaggen mit Hammer und Sichel werden dort ebenso prominent zur Schau gestellt wie Gardeuniformen, die an die Leibgarde der russischen Zaren erinnern.
Zum Stolz auf den Sieg gesellt sich zuweilen Enttäuschung darüber, dass der Westen die Leistungen der Roten Armee nicht angemessen würdige. Dahinter steht die Vorstellung von Rus und Russland als Retterin Europas vor dem Untergang, die in der russischen Geschichte eine lange Tradition hat. Russland habe Europa als „Antemurale Christianitatis“ – als „Vormauer der Christenheit“ – wiederholt vor Invasoren und Despoten beschützt, seien es die Mongolen im 13. Jahrhundert, Napoleon im 19. Jahrhundert oder eben Hitler. Mitunter wird sogar unterstellt, der Westen sei nicht nur undankbar, sondern habe sich damals wie heute gegen Russland verschworen.
Oliver Sterchi
Oliver Sterchi ist Historiker und Journalist in Basel. Er hat Geschichte und Germanistik an den Universitäten Basel, Krakau und Heidelberg studiert. In seiner Masterarbeit ist er der Frage nachgegangen, wie der Zweite Weltkrieg in der Ukraine unter dem Eindruck des aktuellen Konflikts mit Russland musealisiert und erinnert wird. Zurzeit arbeitet er an einem Dissertationsvorhaben zur Mitteleuropa-Debatte im Kalten Krieg.

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